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Nach dem Erdbeben in Japan: Unzählige Tote, tausende Vermisste, Notfälle in AKWs [5. Update]

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Nach dem Erdbeben in Japan: Unzählige Tote, tausende Vermisste, Notfälle in AKWs [5. Update]

Nach dem Erdbeben in Japan rechnet die Polizei in der Katastrophenregion Miyagi im Nordosten mit bis zu 10.000 Toten. Das berichtet der japanische Fernsehsender NHK, der den örtlichen Polizeichef zitiert. Die Region war am schwersten von dem Beben getroffen worden. Bis Samstag wurden 689 Tote identifiziert. Hunderte Tote wurden noch nicht identifiziert, mehr als 10.000 Menschen werden vermisst. Mittlerweile haben die japanischen Behörden die Angaben über die Stärke des Erdbebens von 8.9 auf 9.0 heraufgesetzt. Eine Karte des United States Geological Survey (USGS) illustriert die Nachbeben, die zudem bislang in der betroffenen Region aufgetreten sind. Google hat einige Satellitenbilder zusammengestellt, die mit Davor- und Danach-Aufnahmen das Ausmaß der durch das Erdbeben ausgelösten Katastrophe demonstrieren.

Illustration der Nachbeben Vergrößern
Bild: United States Geological Survey Nachdem es im Reaktor 1 des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi vermutlich zumindest zu einer partiellen Kernschmelze gekommen ist, treten auch erhebliche Probleme im Reaktor 3 auf. Nach Angaben des Betreibers Tokyo Power Electric von 5 Uhr mitteleuropäischer Zeit (13 Uhr japanischer Zeit) ist nach dem Ausfall des Kühlsystems die Wiederinbetriebnahme fehlgeschlagen. Es werde wie im Reaktor 1 mit Bor versetztes Meerwasser eingeleitet. Um 5.58 Uhr japanischer Zeit am heutigen Sonntag habe der Betreiber die Regierung über den erneuten atomaren Notstand informiert, um 9.25 Uhr japanischer Zeit habe man mit der Einleitung von Meerwasser begonnen. Die japanische Aufsichtsbehörde Nuclear and Industrial Safety Agency (NISA) informierte in einer Erklärung von 8.30 Uhr japanischer Zeit über den Ausfall der Kühlung im Reaktor 3.

In Reaktor 3 sei zumindest eine partielle Kernschmelze wahrscheinlich, sagte Regierungssprecher Yukio Edano. Da sich in dem Reaktorgebäude Wasserstoff angesammelt habe, könne es zu einer Explosion kommen; auch bei diesem Reaktor sei Dampf abgelassen worden, wobei Luft mit radioaktivem Material in die Umgebung gelangt sei. Bereits zuvor hatte Tokoy Electric Power erklärt, es sei in Fukushima Daiichi erneut erhöhte Radioaktivität festgestellt worden. Bislang heißt es allerdings sowohl zu Reaktor 1 als auch zu Reaktor 3 im Kraftwerk Fukushima Daiiji, das Containment der Reaktoren sei nicht beschädigt. Die Flutung von Reaktor 1 hatte bereits am Samstag begonnen, nachdem die Kühlsysteme ausgefallen waren.

In der Gegend um die kritischen Reaktoren hat auch die Überprüfung begonnen, ob Einwohner erhöhter Strahlung ausgesetzt wurden. Von der Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA) liegen bislang keine neuen Informationen über die Situation in Japan vor. Zum letzten Stand der Evakuierung hatte die UN-Organisation am Samstag erklärt, bislang seien aus der Umgebung des Kraftwerks Fukushima Daiichi aus einem 20-km-Radius 170.000 Menschen, aus der Umgebung von Fukushima Daini aus einem 10-km-Radius 30.000 Menschen evakuiert worden. Mittlerweile drängt aber nicht nur die IAEA die japanische Regierung zu genaueren Informationen über die Situation in den japanischen Kraftwerken und der Umgebung, auch die australische Regierung betonte, man benötige schnelle und genaue Informationen zur Situation.

In seinem "Fischblog" erläuterte der Wissenschaftsjournalist Lars Fischer bereits vor einiger Zeit Hintergründe zu den stärksten Erdbeben aller Zeiten. DRadio Wissen bringt in eigenen Beiträgen grundlegende Informationen zu Erdbeben und Tsunami-Wellen. Einen Übersichtsartikel zur Funktionsweise von Siedewasserreaktoren, wie sie auch im japanischen Kraftwerk Fukushima eingesetzt werden, gibt es im Physik-Blog; ebenso sammelt der ScienceBlog Diax's Rake Hintergrundinformationen zur Technik und zur Situation in den japanischen Atomkraftwerken. In Unterlagen für den Physik-Unterricht findet sich auch ein Artikel zu den Unterschieden zwischen dem Tschernobyl-Reaktor und unter anderem in Japan eingesetzten Druck- und Siedewasserreaktoren.

[1. Update (13.3., 15:15): Der japanische Premierminister Naoto Kan beschrieb die Situation in seinem Land als die "schwerste Krise in der Nachkriegsgeschichte Japans". Es sei eine Prüfung für alle Japaner, ob man in dieser Krise bestehen könne, er sei sich aber sicher, dass sein Land die Krise überstehen werde. Die Regierung will ihren Notfallfonds in Höhe von 200 Milliarden Yen (rund 1,8 Milliarden Euro) für Hilfsmaßnahmen einsetzen; sie genehmigte dem Energieversorger Tokyo Electric Power (der auch die Kraftwerke in Fukushima betreibt) auch, in seinem Sevice-Bereich in der Hauptstadt und ihrem Umfeld Stromabschaltungen vorzunehmen, um einen größeren Blackout im gesamten Land zu vermeiden.

MIttlerweile erklärten die Behörden, allein in der vom Tsunami am stärksten betroffenen Präfektur Miyagi würde die Zahl der Toten aller Wahrscheinlichkeit nach über 10.000 liegen. 12.000 Menschen konnten bislang aus Notlagen nach dem Erdbeben und der Flutwelle gerettet werden. Auch die Situation in den beiden kritischen Reaktoren in Fukushina Daiichi bleibt ernst. Laut einer Analyse von Ian Sample , Wissenschaftsredakteur beim britischen Guardian, kann es mehrere Tage dauern, bis die Techniker im Kraftwerk wissen, ob das Fluten der Reaktoren mit Meerwasser Abhilfe gegen die Kernschmelze geschaffen hat und die Reaktoren in eine sicheren Bereich brachte. Zudem warnten Wissenschaflter, in den nächsten Tagen seien weitere schwere Beben und Tsunamis möglich. Gegenwärtig sind aber alle Tsunami-Warnungen für die japanischen Küsten aufgehoben.

Der Blogger Peter Schink sammelt auf einer eigenen Webseite alle Tweets, die zur Situation in Fukushima und den Hintergründen einlaufen. Das Blogger-Netzwerk Global Voices hat eine Twitter-Liste zusammengestellt, in der Berichte von Beobachtern vor Ort einlaufen. Der japanische TV-Sender NHK bietet einen englischsprachigen Livestream im Web.]

[2. Update (13.3., 16:00): Mittlerweile hat die UN-Atomaufsichtsbehörde International Atomic Energy Agency (IAEA) ein neues Bulletin herausgeben, das die Maßnahmen in Reaktor 3 von Fukushima Daiichi bestätigt. Demnach wurde Dampf abgelassen, um Druck vom Reaktor-Containment zu nehmen. Anschließend begann man damit, Meerwasser einzuleiten, um den Reaktor wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Gleichzeitig gab die IAEA aber auch bekannt, dass für das Atomkraftwerk Onagawa des Betreibers Tohoku Electric Power die niedrigste Notfallstufe ausgelöst worden sei. Die drei Reaktoren in dem Kraftwerk seien nach den Angaben der Behörden aber unter Kontrolle. Der Alarm wurde ausgelöst, da im Umfeld des Kraftwerks die erlaubten Grenzwerte übersteigende Radioaktivität gemessen wurde. Weitere Informationen zu dem Kraftwerk liegen bislang nicht vor.]

[3. Update (14. März, 9:10): Die Situation in einigen japanischen Kraftwerken, besonders in Fukushima Daiichi bleibt weiter sehr kritisch, gleichzeitig gibt es nur spärliche und immer wieder widersprüchliche Informationen. Mittlerweile ist es auch im Reaktor 3 in Fukushima Daiichi zu einer ähnlichen Explosion gekommen wie zuvor in Reaktor 1. Um 11:01 (japanischer Zeit, 3 Uhr mitteleuropäischer Zeit) seien Explosionsgeräusche zu hören gewesen, es sei weißer Rauch aufgestiegen, erklärte der Betreiber Tokyo Electric Power. Das primäre Containment des Reaktors sei aber offensichtlich intakt geblieben. 4 Angestellte des Betreibers und 2 Mitarbeiter anderer Firmen seien verletzt worden, hieß es anfangs, mittlerweile spricht der japanische TV-Sender NHK von 11 Verletzten.

Inzwischen soll auch die Kühlung an Reaktor 2 in Fukushima Daiichi ausgefallen sein; der Betreiber leite auch hier Meerwasser in das primäre Containment. Die japanische Regierung hat weitere Evakuierungsmaßnahmen für das Umfeld der Reaktoren angeordnet.

In Fukushima Daiichi gibt es insgesamt 6 Reaktoren, die Reaktoren 4 bis 6 waren zum Zeitpunkt des Erdbebens für normale Wartung heruntergefahren, von ihnen sind bislang keine Probleme bekannt. Im Kraftwerk Fukushima Daini gibt es 4 Reaktoren, die als Folge des Bebens automatisch abgeschaltet wurden, von ihnen sind bislang ebenfalls keine weiteren Probleme bekannt. Der Betreiber der beiden Kraftwerke, Tokyo Electric Power, ist in der Vergangenheit bereits durch Sicherheitsmängel und Vertuschungspolitik aufgefallen.

Tokyo Electric Power hatte vor der erneuten Explosion der Regierung bereits mitgeteilt , dass die gemessene Radioaktivität in der Umgebung des Kraftwerks Fukushima Daiichi erneut über die zulässigen Grenzwerte gestiegen sei, außerdem erhöhe sich der Druck im Reaktor 3 wieder. Laut der japanischen Atomaufsichtsbehörde NISA musste die Flutung des Reaktor-Containments in der Nacht auch kurzzeitig unterbrochen werden, da in den dafür eingesetzten Tanks nicht genug Wasser vorhanden war; dies habe zu den Steigerungen des Drucks im Reaktor und zur erhöhrten Radioaktivität geführt. Die internationale Atomenergieaufsichtsbehörde IAEA berichtete in einem Bulletin unter Berufung auf NISA-Angaben ebenfalls, dass das primäre Containment von Reaktor 3 ebenso wie der Kontrollraum intakt seien.]

[4. Update (14.3., 11:00): Die Wissenschaftszeitschrift Nature hat in ihrem Blog eine Analyse zu den möglichen Vorgängen im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi sowie zu den technischen Grundlagen der eingesetzten Reaktoren veröffentlicht: Fukushima crisis: Anatomy of a meltdown. Die Vereinigung der japanischen Elektrizitätsgesellschaften bietet auf ihrer englischsprachigen Website eine Liste der japanischen Atomkraftwerke einschließlich einer Karte ihrer genauen Positionen.

Mittlerweile bestätigte Tokyo Electric Power, dass das Kühlsystem im Reaktor 2 in Fukushima Daiiji ebenfalls ausgefallen sei und man hier ebenfalls die Regierung von einer Notstandssituation informiert habe. Außerdem werde man die partiellen Stromabschaltungen, die vor allem im Großraum Tokio stattfinden und einen Blackout im ganzen Land verhindern sollen, wohl auch während des gesamten April vornehmen müssen. Auch die japanische Industrie ist von den Folgen des Erdbebens schwer in Mitleidenschaft gezogen; so erklärte etwa Toyota, die Produktion in den japanischen Werken mindestens bis Mittwoch einzustellen, auch Honda und Nissan stellen die Produktion ein.

Die Elektronikkonzerne NEC, Fujitsu und Toshiba können die Produktion in ihren Werken teilweise ebenfalls nicht aufrechterhalten; wie stark die Auswirkungen auf die gesamte IT-Branche oder beispielsweise die Halbleiterhersteller sind, ist derzeit noch nicht abzusehen. Viele Werke sind zwar intakt, können aber beispielsweise wegen Problemen mit der Stromversorgung oder mit der Zulieferung von Ersatzteilen nicht betrieben werden. So erklärte etwa RAM-Hersteller Elpida am Montag, dass seine Werke in Japan zwar keine Schäden davongetragen hätten, dass aber mindestens ein Werk wegen Unterbrechung der Stromversorgung nicht arbeiten könne; zudem sei die Lage bei den Zulieferern unklar. Außerdem schließen viele Firmen ihre Werke, um den Mitarbeitern die Möglichkeit zu geben, mit den Folgen von Erdbeben und Flutwelle fertig zu werden.]

[5. Update (14.3., 12:30): Wie wenig die Situation in einzelnen Kraftwerken in Japan derzeit in den Griff zu bekommen ist und wie undurchsichtig sich die Situation wohl selbst für die Betreiber sowie die Techniker vor Ort darstellt, zeigen die Vorgänge im Reaktor 2 in Fukushima Daiichi. Bei diesem Reaktor soll es im Unterschied zu den Reaktoren 1 und 3 am Wochenende zumindest laut Betreibern über die Notabschaltung und Notkühlung hinaus keine besonderen Vorkommnisse gegeben haben.

Tokyo Electric Power gab nun aber am Montag gegen 20 Uhr japanischer Zeit (12 Uhr mitteleuropäischer Zeit) bekannt , dass die Brennstäbe im Reaktor 2 von Fukushima Daiijo vollständig freliegen und nicht mehr gekühlt werden – damit schien eine vollständige Kernschmelze nahezu unvermeidbar. Eine Viertelstunde später hieß es, man habe zumindest bereits ein niedriges Kühlwasserniveau im Reaktor selbst wieder herstellen können (30 Zentimeter, normalerweise beträgt das Kühlwasserniveau mehrere Meter). Auch funktioniere die Einleitung von Meerwasser in das Reaktor-Containment zur Kühlung wieder – die Pumpen waren anscheinend zeitweise wegen Treibstoffmangels ausgefallen.

Man muss davon ausgehen, dass die Situation in einigen japanischen Kraftwerken noch mindestens einige Tage sehr kritisch bleibt und jederzeit noch gravierendere Notfälle eintreten können. Gleichzeitg können aber auch derzeit mit Notkühlung versorgte Reaktoren jederzeit ebenfalls kritisch werden – etwa durch Nachbeben und neue Beben beziehungsweise durch diese Beben ausgelöste Flutwellen.

Heise-News

17.03.2011, 22:06 von myadministrator | 491 Aufrufe
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